Sitzen am Europaplatz

Am Rand von EuropaCity

Die Europacity wächst weiter lautlos zwischen Moabit und Wedding. Durch Spaziergänge und Workshops zum kollektiven Zuhören verbinden wir alte und neue Nach- barschaften, sammeln Stimmen zu Stadtentwicklung und globalen Zusammenhängen. 2019 möchten wir Sie zu einer Reihe von Workshops einladen, die in eine Aktion am 26. Mai, dem Tag der Europaparlamentswahlen, münden.

Spazieren und Intervenieren im Stadtraum
Sonntag, 24. Februar, Café Moab, Lehrterstr. 36
Lasst uns draußen was machen! Den Anspruch auf öffentlichen Raum, kulturelle Räume und Räume zum Zusammenkommen wollen wir in einer kreativen und unerwarteten Intervention stellen.

Plakatkampagne
Sonntag, 7. April + 1 weiteres Treffen
Im Sinne von “Zuhören als politischer Akt“ möchte das Projekt als Sprachrohr und Verstärker für die Stimmen der Bürger*innen dienen. Wir wollen gemeinsam Plakate herstellen, die sowohl im öffentlichen Raum aufgehängt werden, als auch Teil der Aktion im Mai werden sollen.

Soundworkshop
Sonntag, 21. April + 3 weitere Treffen
Wir werden weitere akustische Erkundungen der Europacity und ihrer Ränder unternehmen, neue Stimmen der Nachbarschaft identifizieren, aufnehmen und zusammenmontieren.

Anmeldung, jederzeit möglich, sowie Anfragen an:
kontakt@amrandvoneuropa.city

Vergangene Events 2018:
Spaziergänge vom 5. Juli, 25. August
und 30. September
Workshop vom 1. Dezember

Mehr zum Projekt auf Kultur-mitte.de

The project on Instagram

Veranstalter sind Yves Mettler und Alexis Hyman Wolff, in Zusammenarbeit mit Scriptings/Wedding

Logo senatsverwaltung für Kulture und Europa

Blogeintrag #1, Alexis Hyman Wolff, 10.08.2018:

Sentire (it.) – to hear, to feel

On the 15th of July a group of neighbors, cultural agents, artists and researchers met at the corner of Lehrter and Seydlitzstr. in Berlin-Moabit to take a walk across the invisible borders into the EuropaCity. From the grown-in Lehrter neighborhood, a checkerboard marked by historical developments, from old to new, to hear and feel the borders within the city, to connect spaces, our bodies and minds forming an unprecedented social constellation. Opening up the senses, the subtle qualities of sound become audible: voices filtered through the trees of the Schräbergärten, trickling of water at a distance and the roar of the central station and Tiergarten Tunnel greeting us and raging relentlessly with the urban concentration of center-city. Along the border we find in-between spaces, be it wasteland or arcadia, fences opening up a panorama of the great construction site, there stretches along the backside, a tent city that since three years has been home to European citizens with marginal status, autonomous systems, tenuousness.

Let us come together on the Europaplatz, that triangle of dry grasses and humming bees. It is quite unrecognizable in its current state of unmarkedness, masquerading as a bus station, in the center-of-it-all we cannot stay, unhospitable triangle, all signs usher us along our way.

Since we had planned the walk one week before, two public spaces have been made inaccessible: one being the terrace of the Hauptbahnhof, we examine the outdated plans for Europacity and the vestiges of the former Europe Square, where a skyscraper is being constructed that will overshadow the station itself.

A stillness sets in as we walk through the desolate Heidestr., a pocket of pumping coming from the crossfit center, thumping, bumping. The contruction sites however take their day of rest, we pause and take in the stillness of the cranes towering silently.

These buildings are done, the apartments have been sold and a party is taking place on the balcony. Below we form a circle in the park behind the Hamburger Bahnhof and talk about the changes we have experienced, the systems and structures we know and recognize, because they are permeating, because they are global.

As we crossed the border from the old city to the new parts we could not help but feel the growing narrowness of possibility, the facelessness, computer-generatedness of the facades, the unspecificity of the new landscape, the sterility and lifelessness of this new neighborhood.

Walking through Bruce Nauman’s Double Cage Piece from 1974 as the last station of our parcours, entering and emerging from the narrow gangway, can we experience some physical and spiritual release? What is the power of art in response to that situation we are facing?

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Blogeintrag #2, Yves Mettler, 19.09.2018:

Europa in und um der EuropaCity

Es hat mich sehr gefreut, dass so viele Teilnehmer*innen des ersten Spaziergangs wiedergekommen sind und zusammen mit ein paar neuen Gesichtern sowie unseren geladenen Gästen, Manuela Bojadzijev und Claudia Weber, am Treffpunkt auf dem Platz vor der Gedenkstätte Günter Litfin, einem ehemaligen Wachturm an der Berliner Mauer entlang des Spandauer Schifffahrtskanal, erschienen sind.

Nach einer kurzen Einführung machten wir zum Kennenlernen eine „Runde der verschiedenen Perspektiven“ an diesem historisch und baulich dichten Treffpunkt, wo entlang der ehemaligen Grenze Denkmäler, Baustellen, Wasserwege, Rad- und Fusswege, Erholungszonen, Alt- und Neubauten aufeinandertreffen. Wir formten einen Kreis und jede/r von uns teilte wortwörtlich etwas aus seiner Perspektive mit und beschrieb was sie oder er gerade wahrnahm und sah. Eine kollektive Live-Collage, der verschiedensten Perspektiven auf die städtische Situation entstand.

Danach liefen wir in Zweiergruppen einige hundert Meter am Kanal entlang, je eine/r mit geschlossenen Augen der städtischen Landschaft zuhörend und die akustischen Eindrücke der/dem Partner*in laut beschreibend. Eine Frage tauchte auf: kann man gleichzeitig hören und erzählen? Welcher Rhythmus von hören und sprechen macht am meisten Sinn? Danach versammelte sich die Gruppe bei den Steinen am Ende der Wiese, gegenüber des Kornversuchsspeichers. Hier las eine Teilnehmerin einen Werbetext des Immobilienentwickler zur Zukunft des Speichers vor: „Der historische Kornversuchsspeicher soll der markante Mittelpunkt und das Wahrzeichen der Wasserstadt Mitte werden, die als Teil der Europacity der Mitte Berlins ein völlig neues Gesicht geben wird. Die Wasserstadt Mitte entsteht zurzeit östlich der Heidestraße am Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal zwischen Nordhafen und dem zentralen Stadtplatz der Europacity. 750 Wohnungen in sechs Neubauten, die sich um großzügige grüne Innenhöfe gruppieren, bilden - um Einzelhandel, Gastronomie und Gewerbe ergänzt - schon bald ein neues innerstädtisches Quartier in exklusiver Wasserlage. Für die Optik des neuen Quartiers gibt der Kornversuchsspeicher mit seiner roten Backsteinfassade die ästhetische Leitlinie vor. Für die architektonische Vielfalt wiederum sorgen vier renommierte Architekturbüros, denen die Gestaltung unterschiedlicher Teile der Wasserstadt Mitte übertragen worden ist.“

Die konkrete Situation vor Ort liess uns die Diskrepanz zwischen der Realität und den Möglichkeiten des Ortes und der ausgehöhlten Rhetorik der Immobilienentwickler wahrnehmen. Einige Teilnehmer*innen mussten laut lachen, warum? Jemand sagte: „aus Hoffnungslosigkeit.“ Niemand widersprach dieser starken Beschreibung eines Gefühls. Mir schien in diesem Moment, dass dieses Gefühle immer auf der Lauer liegt und jederzeit die positiveren Energien „unseres Projekt“ aufsaugt, ganz so wie ein schwarzes Loch. Alexis und ich hatten deshalb schnell beschlossen, die Diskussion nicht weiter zu vertiefen und durch die Bewegung des Spaziergangs die Stimmung wieder zu verändern. Während des weiteren Verlaufs des „Projektes“ sollte solchen Gefühlen aber auf jeden Fall mehr Raum und Zeit gegeben werden.

Wir gingen weiter bis zum Anfang der vor Kurzem erst wegen der EuropaCity-Baustelle gesperrten Fussgängerbrücke. Hier hat Manuela Bojadzijev, Vize-Leiterin der Abteilung "Integration, soziale Netzwerke und kulturelle Lebensstile" am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), Humboldt-Universität Berlin, der Gruppe davon berichtet wie Europa tatsächlich ständig politische Grenzen – gerade auch ausserhalb des europäischen Kontinents – neu-produziert. Ihr Vortrag fand besonderen Anklang und ich war über ihren Input sehr dankbar. Die Präsentation hat sich klar zum Thema europäischen Aussengrenzen positioniert. Hierin fand ich auch konzeptuelle Werkzeuge, um für mich in die Begriffe „Grenze“ und „Ausgrenzung“ wieder eine denkerische Beweglichkeit zu bekommen. Ständig gibt eine Mehrzahl von Grenzen, die in Bewegung sind und sich mal mehr, mal weniger überlappen, genau hierin könnte eine Möglichkeiten liegen von einem verschiedene Bereiche zu erreichen und verbinden.

Danach überquerte die Gruppe die grosse Brücke zur ehemalige Tankstelle an der Ecke Heidestrasse/Perlebergerstrasse, der nördlichste Punkt der Europacity. Leichte Regentropfen, drohendes Gewitter und Lärm vertrieben uns schnell von der brachliegenden Tankstellenfläche, nachdem wir noch schnell über die Mauer hinunter auf die Baustelle blickend, einen von den Arbeitern aufgebauten Sonnenschutzverschlag, inklusive Fahnenmast und Union Jack, äußerst verwundert bestaunen konnten.

Danach machten wir erst wieder am neugestalteten Nordhafenufer, auf der Seite des Bayer-Gebäudes halt. Ganz automatisch versammelte sich die Gruppe auf einem Zweig des Weges, der hauptsächlich von Fahrradfahrer genutzt wird. Mein Gedanke hierbei: die Gruppe reklamierte „an sich und für sich“ schon einen temporären Raum, sozusagen einen ständig mobilen innerstädtischen Kulturraum. An dieser Stelle gab es den zweiten Inputvortrag, diesmal von Claudia Weber, Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt a.O.. Sie führte aus, wie sich historisch der„Begriff“ von Europa verändert hat und schon von den unterschiedlichsten politischen Parteien und Konzeptionen besetzt wurde. Auch heute kämpfen diese Konzeptionen beständig um die Begriffshoheit. Immer wieder scheint es mir auch für unser Projekt wichtig, die Frage nach den verschiedensten Konzeptionen von Europa anhand und im Angesicht der EuropaCity zu stellen und weiter verfolgen.

Nach dem Vortrag liefen wir im Gänsemarsch auf den Pflastersteinen, welche in dem erst 2017 gebildeten Park die Trennlinie zwischen dem Privatbesitz der Firma Bayer und der öffentlichen Stadtfläche des Land Berlins bilden, entlang. Dies machte sichtlich der ganzen Gruppe Spass und brachte uns die eigenen Körper wieder ins Bewusstsein: die städtische Katasterlinie wurde für Minuten zum kollektiven Spielraum. Die offenliegenden Themen, wie die Entstehung des Parkes, die Bayer-Charité-Axe, das Verschwinden von städtischen Zonen, konnten im Spaziergang nur kurz angeschnitten werden, aber es bildeten sich doch eine Reihe von Denkbildern, mit denen im Projekt weiter gearbeitet werden kann.

Der Endpunkt des Spaziergangs befand sich am Beckenrand, wo die Panke in den Kanal mündet. Die dort gebauten breiten zickzackförmigen Stufen sahen zwar einladend aus, erwiesen sich aber als wenig praktikabel für ein Gruppengespräch. Nach einer Runde Kaffee und Kuchen versuchten wir, während wir noch über unsere Eindrücke austauschten, auch Schlussfolgerungen zu formulieren. Dies erwies sich allerdings in der Situation als sehr schwer, deshalb erscheint mir diese Suche nach „Schlussfolgerungen oder Alternativen“ die zentrale Aufgabenstellung für den kommenden „Zu-hören-Workshop“ im Dezember zu sein.

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Blogeintrag #3, Alexis Hyman Wolff, 17.12.2018:

Kiezkultur

It was an extraordinarily beautiful day for a walk on the 30th of September, as we set off on the third and final acoustic walk along the border of Europacity, to explore, this time, the terrain of “Kiezkultur”(1) through the lens of Sprengelkiez artist Uwe Bressem and Lehrterkiez activists Susanne Torka and Jürgen Schwenzel.

On the sidewalk in front of Uwe´s studio and home an ever-growing group gathered, and Uwe began to recount the grassroots cultural life of his neighborhood that he has observed and helped to create over the past 14 years. One might have noticed the sinister sssss in his pronunciation of the name of the investor group As(ssss)pire Real Estate GmbH, who in recent years, advertised the culturally vibrant gallery neighborhood, in order to turn around and create widespread long-term vacancies. He led us through the neighborhood recounting local history and community victories, such as overcoming the construction of a freeway to make a pedestrian zone with parks and the riverside. On a platform, overlooking the Spandauerschifffahrtskanal we make our circle of observations: Ich höre/ich sehe, das Fußgängerverbotschild, Menschen, die schnell aneinander vorbeilaufen, die Ausländerbehörde, die Bäume rascheln, das Wasser im Kanal, eine leere Schaukel, eine alte Eck-Kneipe namens Deichgraf, Grauzonen zwischen den Kiezen, Gitter, Vögelgezwitscher, die Penthouse-wohnung da oben, Vorgärten, liegende Menschen am Ufer, eine Joggerin, das Ausflugsschiff, den typisch berliner Abfall.(2)

Along the Torfstraße we stop in front of the Verein PanPoesie and a gentleman with tourettes walks by, “Kill kill alle” he says, “Berliner tot machen.” Just across the way in one newly built house lives a member of parliament, who is surprisingly neighborly, gestures toward one of the oldest brothels, a former post office, turned green grocer, which has become a salafistic mosque, and a biker bar with a sordid past.

We are met at the park by an animated figure, who blocks our entry and allows us only to enter with a "boarding pass". Entering the park, we are given foam gliders to send our wishes for the future of our neighborhoods to the powers above: “Dauerhaft einladende Räume!”, “Grünflächen wo man knutschen kann!”, “Mehr Rücksicht! Weniger Abfall”(3), and we let ´em fly. Carrying on the group meanders through the backyard of the Sprengelhaus, where over 20 local associations have mailboxes. We read them aloud.

In the long transition between the Sprengelkiez and the Lehrterkiez, we conduct a listening exercise described by Hildegard Westernkamp, a silent walk, listening to near and far, trying to hear our bodies, sense our environments. Across the Fennbrücke, where traffic roars relentlessly by and into the densely tree-lined Lehrter Straße, through the backyard of a postmodern housing development from the 90s, where an extended family socializes around a pot of warm soup.

We arrive in front of the B-Laden, where Susanne and Jürgen tell stories of change. The Lehrter Strasse was one of four falling-down neighborhoods in West Berlin to be restored in the late 80s (Sanierungs-Gebiete) and in all of those neighborhoods “Betroffenen-Räte” were established as neighborhood centers. “Wir haben uns nie aufgelöst” Winding down into the freshly completed Mittenmang apartment complex by Groth Gruppe, and thanks to a kind neighbor, we were able to penetrate the façade and pass through the central courtyard an extensive internal shared space. In response to the contrast to the grown-in areas we had visited earlier some voices expressed alienation in the still computer-generated-feeling landscape, another voice found it aesthetic, other voices hushed.

After a short visit in the neighborhood gardens, we gathered in Café Moab for coffee and discussion.

1: Kiez: Neighborhood
3: I hear/I see: the no pedestrian sign, people, who walk past each other, the water in the canal, an empty swing, an old corner bar called Deichgraf, gray zones between neighborhoods, wire mesh, birdsong, the penthouse apartment up there, front yards, people reclining on the riverbank, a jogger, a tourist boat, the typical berlin litter.
2: “Permanently inviting spaces“, “Green areas to kiss in”, “More consideration, less trash!”

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Blogeintrag #4: Achim Lengerer 17.12.18

Workshop "Kollektives Zuhören"

Während des Sommers 2018 hat “Am Rand von EuropaCity” drei „akustische Stadtwanderungen" (siehe die Blogeinträge #1-3) organisiert. Diese Stadtwanderungen entlang der entstehenden Außengrenzen der EuropaCity wurden von Gilles Aubry mit Tonaufzeichnungen dokumentiert. Zusätzlich entstanden vereinzelte Interviews mit Anwohner*innen des Kiezes, aber auch Neubewohner*innen der EuropaCity bei einer Reihe von Recherchespaziergängen der Projektgruppe im Laufe der Monate.

Der Workshop zum „Kollektiven Zuhören“ einer Auswahl dieser Tonaufnahmen zusammen mit Stadtteilbewohner*innen der angrenzenden Kieze der Europacity in Mitte, Moabit und Wedding, Aktivist*innen und kulturellen Akteuren fand schließlich an einem Samstagnachmittag Anfang Dezember im Café der Kulturfabrik in der Lehrterstrasse 35 statt. Einem Ort, der seit Beginn der 90er Jahre als Begegnungsort für kulturelle Initiativen im Kiez aktiv ist. Eingeladen, den Workshop zusammen mit uns zu konzipieren und anzuleiten, haben wir die in London lebenden Aktivistin und Autorin des Buches "The Force of Listening" Claudia Firth. Von Beginn des Projektes an war die Betonung der affizierenden Qualitäten des Akustischen ein wichtiges Leitmotiv. Eine zentrale Perspektive eröffnete uns hier die Lektüre dies in Ko-Autorschaft mit Lucia Farinati verfassten Buches. „The Force of Listening“ ist aus einer Reihe von Gesprächen montiert, die Farinati/Firth mit Aktivist*innen, wie dem in den 1990er Jahren von Aids-Aktivist*innen in Los Angeles gegründeten Kollektivs „Ultra-red“, der in London aktiven „Precarious Workers Brigade“, aber auch Künstler*innen geführt haben. Das Buch schlägt „Listening/Zuhören“als Aktionsform sozial-politischer Praxen zwischen den Feldern Kunst und Aktivismus vor. „Zuhören“ als ein „listening with and for“, ein miteinander und füreinander, ein Werkzeug „that makes things happen or leads to political action“.Besonders die Praxis und der Umgang von Ultra-red mit Tonaufnahmen als Instrument der politischen Arbeit war uns für die Planung des Workshops Inspiration und gedankliche Vorlage.

Zuerst galt es die von Gilles gesammelten Tonaufnahmen anzuhören und zu verstehen, welcher Typus Tonaufnahme vorlag: z.B. Aufnahmen von Orten oder städtischen Atmosphären, Interaktionen zwischen den Teilnehmer*innen oder auch eher zufällige Begegnungen und Gesprächen während der Wanderungen Für das Zusammenstellen einer finalen Playliste von zirka zwölf Soundfragmenten zwischen dreißig Sekunden und drei Minuten ging es außerdem darum thematische Schwerpunkte in den Dialogen und Gesprächen wahrzunehmen. Hierbei haben wir darauf geachtet, nicht zu sehr mit vorgefertigten Begriffen an die Tonaufnahmen heranzugehen, sondern eher im Tonmaterial auftauchende Fragen, Themen und Stimmungen zu entdecken, bzw. diese herauszuhören. Anhand von lose assoziativen Begriffsfeldern wie Stadtplanen, Zugänglichkeit, Grenze, Nachbarschaft, Inside the Europa-City, aber auch einer Beschreibung wie “negative Gefühle” haben wir auf diese Weise schließlich eine Auswahl von fünfunddreißig Minuten Hörmaterial zusammengestellt.

Hatte das Projekt “Am Rande der Europa-City” bis zum Workshop stark von den Vorbereitungen der Projektgruppe gelebt, war die zentrale Frage für den Workshop: ist es möglich alternative Visionen für die Kultur des Kiezlebens und dem Zusammenleben mit Bewohner*innen der EuropaCity gemeinsam zu erarbeiten? Gelingt die Mobilisierung von Arbeitsgruppen, über die anfängliche Projektgruppe hinaus und welche politischen Formen könnte dies annehmen?

In Absprache mit Claudia wurde ein einfacher Zeitplan für die vier Stunden des Workshops rund um unterschiedliche Beschreibungs- und Aktionsformen des “Zuhörens” erarbeitet: a) “Hörsession” mit Diskussion und Notizen in kleinen dreier bis fünfer Gruppen, b) Eins-zu-eins Erzählsituationen mit wechselseitigem nur Sprechen oder nur Zuhören, c) Danach in der großen Gruppe Zusammenfassung und Aufschreiben der in kleinerer Runde festgestellten Themen, Problemen oder auch “negativen Gefühle”, d) Vorschläge zur Veränderungen und konkreten Aktionen.

Der erste Teil der “Hörsession” verlief ausgesprochen gut. Die besondere, nicht-eindeutige Abbildungsqualität des Hörmaterials erlaubte ein nicht-zielgerichtetes Zuhören, welches auch sehr persönliche und individuelle Beschreibungen der Tonstücke erlaubte. Die einfache Regel, sich während des Zuhörens erst einmal nicht gegenseitig auszutauschen, sondern nur “zuzuhören” erwies sich als gutes Mittel, um Affektion durch “Hören” zu ermöglichen, ohne sofortige Reaktion einzufordern. Es ging hier also nicht um ein korrektes „Verstehen“ der Aufnahmensituationen und des Gehört/Gesagten, sondern vielmehr um spekulative Möglichkeiten der affektiv und intellektuellen Teilnahme. Bei der folgenden eins-zu-eins Übung wurde dieses Teilnahme sowohl individuell als auch dialogisch verstärkt: die zehnminütige Übung erlaubte für fünf Minuten allein das wechselseitige nur „Sprechen“ oder nur „Zuhören“. Nach dieser langen Phasen des „Aufschubs“ einer Diskussion führte die Vorstellung der während der ersten Hörsession gemachten Notizen zu einem extrem lebhaften Austausch in der großen Gruppe mit spontanen Zwischenrufen, gedanklichen Querverbindungen, mit Zustimmung, aber auch Widerspruch und nicht zuletzt vielen Momenten des geteilten und erlösenden Lachens anhand aufgeschriebener Sprachfiguren wie “Anderes wollen”, “Entdecken wird verbaut” oder “Teures/Teufels Europa”.

Nach diesem dritten Punkt des Workshops brach sich im allerbesten Sinne der politische Eigensinn der Teilnehmer*innen seine Bahnen. Die von der Projektgruppe angedachte Schlussrunde, um aus dem „Zuhören“, wie Firth/Farinetti schreiben, ein Werkzeug zu machen „that makes things happen or leads to political action“ wurde den Initiatoren auf ganz wunderbare Weise aus der Hand genommen. Mit starker Eigendynamik wurden nun in der großen Runde konkrete Vorschläge für Arbeitsgruppen diskutiert, dabei bildeten sich verschiedene Schwerpunkte: eine Arbeitsgruppe für ein Posteraktion im Frühjahr, eine Arbeitsgruppe zur Weiterführung und Intensivierung der Stadtwanderungen, aber auch eine Arbeitsgruppe, welche die Tonaufnahmen und deren Bearbeitung in ihre eigenen Hände nehmen möchte. Auffallend war dabei der klar geäußerte Wunsch der schon länger im Kiez Wohnenden, die kommenden Aktionen in Zusammenarbeit mit und in Adressierung an die Neubewohner*innen der Europa-City durchzuführen. Anfang 2019 kommen die einzelnen Arbeitsgruppen zusammen, die Namenslisten sind erstellt und Adressen untereinander ausgetauscht.

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